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04.03.2010
Magdeburger Volksstimme

„Kern allen Übels: Team hat als Einheit nicht funktioniert“

Fußball-Regionalligist 1. FC Magdeburg steckt in der Krise. Der Aufstieg ist schon jetzt abgehakt, der Zwei-Jahresplan kläglich gescheitert. Präsident Volker Rehboldt (41) stand den Volksstimme-Redakteuren Rudi Bartlitz und Uwe Tiedemann Rede und Antwort.
Volksstimme: Es gibt derzeit in und um Magdeburg fast nur ein beherrschendes Thema, das ist die Krise des FCM. Für Sie so etwas wie ein Spießrutenlaufen?
Volker Rehboldt: Nicht nur für mich, für alle Beteiligten. Unsere Rechnung, innerhalb von zwei Jahren mit einer relativ routinierten und nicht ganz billigen Mannschaft aufzusteigen, ist nicht aufgegangen. Das muss man offen einräumen. Jetzt kann die Zielstellung nur lauten: Landespokalsieg und den Rest der Saison einigermaßen vernünftig über die Runden zu bringen, um nicht nachhaltig Sponsoren und Fans zu vergrätzen.
„Parallelen zur Vorsaison irritieren“
Volksstimme: Wo sehen Sie die Hauptursachen für den Misserfolg? Rehboldt: Wir haben es mit zwei höchst unterschiedlichen Trainern versucht. Mit Paul Linz als routinierten, erfahrenen Coach und mit Steffen Baumgart als jungen, heißen Mann. Beide haben es nicht geschafft. Die Mannschaft hat als Einheit, als Kollektiv nicht funktioniert. Das ist der Kern allen Übels.
Volksstimme: Ist der FCM also untrainierbar? Rehboldt: Soweit würde ich nicht gehen.
Volksstimme: Parallelen zur Vorsaison, als es nach der Winterpause ebenfalls einen Einbruch gab, sind unverkennbar.
Rehboldt: Genau das ist es, was auch uns irritiert. Die Symptome sind in der Tat die gleichen.
Volksstimme: Es gäbe die Möglichkeit, sich von fast allen Spielern zu trennen, denn bis auf Beer und Verkic laufen alle Verträge zum 30. Juni aus.
Rehboldt: Wir wollen keinen totalen Umbruch, sondern aus einem Gerüst eine neue Mannschaft zusammenstellen, die in der Lage ist, die Schwäche der fehlenden Einheit zu überwinden. Eigentlich hatten wir geglaubt, bereits im vergangenen Sommer Unwuchten beseitigt zu haben. Wir müssen aber konstatieren, dass wir zwar ganz gute Einzelspieler, aber keine entsprechende Mannschaft haben.
Volksstimme: Ein Team, das in der neuen Saison wohl kaum um den Aufstieg mitspielen kann, oder?
Rehboldt: Die Ausgangsposition ändert sich in der Tat. Wir waren jetzt zweimal in Folge der klare Favorit. Diese Rolle bleibt uns künftig erspart.
Volksstimme: Bedeutet das gleichzeitig, dass der Etat, der für das laufende Spieljahr 2,75 Millionen Euro beträgt, deutlich zurückgefahren wird?
Rehboldt: Genaue Zahlen gibt es erst auf der Mitgliederversammlung am 18. März. Aber es ist davon auszugehen, dass wir mit rund 500 000 Euro weniger kalkulieren.
Volksstimme: Auch bei den Zuschauerzahlen wird man Abstriche machen müssen.
Rehboldt: Wie bisher geplant 8 000 im Schnitt sind unrealistisch. Der neue Wert bewegt sich um die 5 000.
Volksstimme: Und wie könnte das Saisonziel aussehen?
Rehboldt: Wir wollen eine Mannschaft aufbauen, die sich im ersten Jahr im oberen Tabellendrittel platziert und dann im zweiten in der Lage ist, wieder um den Aufstieg mitzuspielen. Wenn ich von einem jungen Team rede, meine ich damit nicht lauter 17-und 18-Jährige aus den eigenen Reihen, sondern auch talentierte Spieler aus der Region.
Volksstimme: Das klingt alles schon recht konkret ...
Rehboldt: Wir haben uns innerhalb der Führungsgremien bereits abgestimmt. Der Weg ist alternativlos.
„Wettrüsten würde den Club ruinieren“
Volksstimme: Einer der Kernvorwürfe gegenüber dem Präsidium lautet immer wieder, man sei zu risikoscheu.
Rehboldt: Das ist mir bekannt. Aber es gibt nun einmal keine großen Sponsoren, die das Füllhorn über uns ausschütten. Wobei es weitaus hätte schlimmer kommen können. Die Wirtschaftskrise ist an uns quasi vorbeigegangen. Aber es wäre ein absoluter Irrweg, wenn wir Kredite aufgenommen hätten. Ein Wettrüsten beispielsweise mit RB Leipzig würde den Verein ruinieren.
Volksstimme: Wie groß ist die Gefahr, dass angesichts der gegenwärtigen Situation demnächst Geldgeber abspringen?
Rehboldt: Signale, dass wir wichtige Sponsoren verlieren, haben wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht empfangen. Ich denke, unsere Unterstützer erwarten gerade in der jetzigen schwierigen Phase ein deutliches Bekenntnis zur wirtschaftlichen Stabilität und eine klare Strategie, wie es weitergehen soll.
Volksstimme: Dennoch sind Unmutsäußerungen und Rücktrittsforderungen unter den Anhängern und Sponsoren inzwischen unüberhörbar.
Rehboldt: Ich habe in letzter Zeit eine Menge E-Mails mit dem Inhalt erhalten, unter denen auch einige deutliche Rücktrittsforderungen waren. Andere haben uns ermutigt, den Weg weiterzugehen. Letztlich geht es aber nicht um Personen, weder um mich noch um Spieler oder Trainer, sondern den Verein. Insoweit ist jeder Einzelne ersetzbar. Kommt jemand, der ein klares und schlüssiges Konzept vorlegt, werden wir uns dem nicht verschließen. Wir alle stimmen aber auch darin überein, dass sich niemand aus seiner Verantwortung stehlen wird.
Volksstimme: Das bedeutet, der Präsident ist nicht amtsmüde.
Rehboldt: Richtig. Wenngleich ich nicht verhehlen möchte, dass ich inzwischen die Nase voll habe, mich ständig vor diese Mannschaft zu stellen, sie aber nicht zeigt, was sie kann. Das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen ist unausgewogen.
Volksstimme: Haben Sie sich selber auch etwas vorzuwerfen? Rehboldt: Klar habe ich das. Aus heutiger Sicht würde ich einige Personalentscheidungen – Namen möchte ich hier nicht nennen – anders treffen. Insoweit schiebe ich meine Verantwortung nicht weg.
Volksstimme: Verantwortung trägt auch immer der Trainer. Wie bewerten Sie die Arbeit von Steffen Baumgart?
Rehboldt: Er ist ein unheimlich akribischer und analytischer Trainer, der aber vielleicht das Problem hat, dass er in seinem ersten Jahr für einen Verein verantwortlich ist, für den er zuvor noch gespielt hat.
Volksstimme: Sie haben anklingen lassen, dass es bei einer weiteren enttäuschenden Vorstellung am Sonntag in Wilhelmshaven sogar zur vorzeitigen Trennung kommen könnte.
Rehboldt: In der Tat könnte es passieren, dass gewisse Schritte vorgezogen werden. Das betrifft aber nicht nur den Trainer, sondern auch die Spieler, von denen sich vielleicht der eine oder andere den Rest der Saison aus luftiger Perspektive von Block 22 anschauen kann.
Volksstimme: Was spricht für, was gegen Baumgart?
Rehboldt: Es gibt an seiner Trainingsattraktivität und -intensität nichts auszusetzen. Im Fußball spielt aber auch Psychologie immer eine besondere Rolle. Wir brauchen einen passenden Trainer, der in der Lage ist, eine Mannschaft aufzubauen und zu entwickeln. Da ist Steffen Baumgart aus heutiger Sicht unser erster Ansprechpartner für die neue Saison. Ich sage aber auch: Wir sind dabei, den Markt zu beobachten und zu sondieren.
Volksstimme: Können Sie Namen nennen?
Rehboldt: Könnte ich, tue ich aber nicht. Die Namen jedenfalls, die gegenwärtig öffentlich diskutiert werden, sind nicht dabei.
„Um die Lizenz sieht
es sehr gut aus“
Volksstimme: Stichwort neue Saison: Wie ist es um die Lizenz für 2010/11 bestellt?
Rehboldt: Da sieht es sehr gut aus. Der Antrag lag beim DFB überpünktlich vor, zuvor hat uns der Wirtschaftsprüfer sowohl für die vierte als auch dritte Liga ein uneingeschränktes Testat ausgestellt. Es wird keine tiefgreifenden Probleme geben.
Volksstimme: Das bedeutet, der FCM ist trotz der sportlichen Pleite im Soll?
Rehboldt: Ohne genaue Zahlen vorwegzunehmen, die wir im Rahmen der Mitgliederversammlung präsentieren werden: Der FCM wird über die Spielzeiten 2008/2009 und 2009/2010 in der Summe einen Gewinn ausweisen. Dies war allerdings aufgrund der sportlichen Situation nur im engen Zusammenwirken mit dem Aufsichtsrat und unter Mithilfe einiger Sponsoren möglich. Hier haben wenige Partner sehr viel geleistet. Letztlich hat sich damit die Gremienstruktur bewährt. Ohne dieses Zusammenwirken wären wir in deutlich größere Probleme gekommen. Und noch etwas: Wir haben die Gehälter stets pünktlich gezahlt.
Volksstimme: Wie hoch ist der Gewinn für 08/09 und 09/10?
Rehboldt: Konkrete Zahlen nenne ich erst auf der Mitgliederversammlung.
Volksstimme: Bei der es turbulent zugehen könnte ...
Rehboldt: Darauf stellen wir uns ein. Es wird zu Recht intensive Nachfragen und kritische Diskussionen geben und Tacheles geredet – aber ich erwarte nicht, dass an diesem Abend das Faustrecht regiert. Und ich werde ganz bestimmt auch nicht krankheitsbedingt fehlen ...

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